Projekt Wasserhaus / LEADER

Projekt Wasserhaus: Naturschutz, Jugendarbeit, Naherholung – Made in Breitenbach

Im Jahr 2014 feiern die Pfadfinder vom Stamm Albert Schweitzer in Breitenbach ihr 60-jähriges Bestehen. Und dass sie noch lange kein Auslaufmodell sind, beweisen die Pfadfinder zurzeit mal wieder von neuem, mit einem ambitionierten Projekt.

Seit Beginn der weltweiten Pfadfinderbewegung zählt Naturverbundenheit zu einer wichtigen Eigenschaft eines Pfadfinders. Heute, in Zeiten von Notebooks und Mobiltelefonen, Spielekonsolen und mp3-Abspielgeräten, ist es von daher umso wichtiger, mit den Jugendlichen den Kontakt zur Natur zu suchen.

Dieser Herausforderung stellen sich die Breitenbacher Pfadfinder gerade, und Hilfe erhalten sie dabei von der Europäischen Union. Eine unscheinbare Seitennotiz im Wochenblatt mit dem Hinweis auf ein EU-Förderprogramm hat neue Ideen inspiriert. Das Programm nennt sich LEADER; dabei handelt es sich um ein Programm zur Förderung der Entwicklung des ländlichen Raums. Das klingt zunächst sehr vage, gemeint sind aber Projekte, die dem Naturschutz beitragen oder in anderen Bereichen die Entwicklung fördern, wie etwa beim Tourismus.

Für die Pfadfinder aus Breitenbach bedeutet dies, in einem langjährigen Projekt in großen Schritten weiter zu kommen.

Seit ihre Hütte im Kalkofer Wald vor etwa 10 Jahren Brandstiftung zu Opfer fiel, wurde sich darauf konzentriert, das Wasserhaus in den Pfaffenteichwiesen zu renovieren und umzubauen. Das umliegende Gelände wurde kultiviert und sollte nach und nach zu einer Naturerlebnisstätte werden.

Das ca. 1,5 Hektar große Gelände liegt fernab jeder Landstraße, umringt von Äckern und Wiesen und wird neben zahlreichen Spaziergängern und Wanderern auch von der Tierwelt gut besucht. Das Haus ist tatsächlich ein ehemaliges Wasserwerk, dass den Breitenbacher Ortsteil Bambergerhof mit Trinkwasser versorgte. Das Gelände verfügt somit auch über eine eigene nutzbare Trinkwasserquelle.

Mit LEADER boten sich hier enorme Chancen. Sofort nach dem das Förderprogramm entdeckt wurde, hat man einen Vorschlag für einen Projektplan erstellt. Und mit der Aussicht auf finanzielle Unterstützung von oben hat man sich an Dinge herangetraut, die ansonsten finanziell vielleicht außerhalb des Machbaren gesehen worden wären. Die zuständigen lokalen Behörden zeigten sich begeistert von dem Vorhaben und sagten vollste Unterstützung zu.

Aber nicht nur finanziell wäre ein solches Projekt ein ganz schöner Brocken. Bis heute sind immer noch Männer der ersten Stunden des Stammes aktiv und Pfadfinder aus allen Generationen seit der Gründung des Stammes sind bis heute zur Stelle, wenn wieder eine Baustelle geplant ist. Und ohne sie, wäre ein solches Projekt wie am Wasserhaus nicht schaffen.

Das Projekt: Nachdem in jahrelanger harter Arbeit das Wasserhaus selbst renoviert wurde, galt es schließlich auch, das Außengelände nutzbar zu machen. Zahlreiche Pflanzaktionen, Erdbewegungsarbeiten und unzählige kleinere und größere Arbeitseinsätze später ist das Vorhaben fast fertig. Naja, eben nur fast. Denn so richtig fertig wird man ja eigentlich nie.

Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Es wurden Bäume und Sträucher angepflanzt, ein Insektenhotel errichtet, ein Biotop angelegt, der Brunnen neu eingefasst, Liegebänke installiert, Sitzbänke und eine Tischgruppe aufgestellt, ein Geräteunterstand mit Biokomposttoilettenanlage ist kurz vor der Fertigstellung, ein Naturlehrpfad wird errichtet und nicht zuletzt noch mehr Bäume und Sträucher angepflanzt.

Was hier in wenigen Zeilen zusammengefasst ist, hat tatsächlich unzählige Stunden Arbeit von vielen Helfern gebraucht, viel Geld und die Geduld der Strippenzieher gekostet. Und es geht ja noch weiter…

Das Gelände wurde in den neunziger Jahren gekauft. Obwohl damals noch kein langfristiger Plan für die Gestaltung des Geländes bestand, wurden damals schon die ersten Bäume angepflanzt. Und heute ist jeder dankbar dafür, wenn sie im Sommer angenehm Schatten spenden und die kleinsten im Pfadfinderstamm darauf rumklettern.

Erst vor rund 10 Jahren wurde dann damit begonnen, bewusst aufzuforsten.

Seit 1989 wird von der Dr. Silvius Wodarz Stiftung und dem Kuratorium Baum des Jahres eine Baum-Gattung zum Baum des Jahres gekürt. In Breitenbach hat man sich zum Ziel gesetzt, von jedem auserkorenen Baum des Jahres mindestens ein Exemplar anzupflanzen.

Derzeit sind bereits 15 Arten der vergangenen Bäume des Jahres angepflanzt, meistens gleich mehrfach. Insgesamt stehen mittlerweile mehr als 70 Bäume auf dem Gelände, mehr als 30 verschiedene Baumarten. Die Sträucher lassen sich bereits nicht mehr zählen, dazu zählen auch Obststräucher wie Johannisbeere, Brombeere und Stachelbeere.

Das Gelände bietet aufgrund seiner Topografie die Chance, Bäume und Sträucher entsprechend ihrer Bedürfnisse anzupflanzen. Manche stehen gerne feucht, also finden sie in der Nähe des Biotops oder rund um die Quelle ihren Platz. Um in ein paar Generationen eine große, Schatten spendende , majestätische Eiche zu erhalten, wurde ein Exemplar mittig auf der großen Wiese gepflanzt, mit viel Platz drum herum. Man hat gelernt, dass Bäume wie die Buche oder die Eiche sich Zeit lassen und in die Breite wachsen, wenn sie Platz haben. Im Wald dagegen kämpfen alle um einen möglichst großen Anteil am Sonnenlicht und schießen förmlich in die Höhe.

Zwei hauptberufliche Landschaftsgärtner im Verein stehen dem Stamm mit Fachwissen, Rat und Tat zur Seite, und helfen den Pfadfindern, den besten Platz für die grünen Freunde zu finden. Außerdem stellen sie Kontakte zu Baumschulen in der Umgebung her, kennen Bezugsquellen für die ungewöhnlicheren Baumarten, die nicht überall zu kaufen sind und empfehlen an der ein oder anderen Stelle auch lieber etwas mehr Geld in die Hand zu nehmen um schon etwas größere Zöglinge zu kaufen, damit die Anpflanzung auch sicherer zum Erfolg führt. Gelegentlich kommt ein wichtiger Hinweise nebenbei, wie beispielsweise dass das Loch, in das der Baum gesetzt werden soll, eckig sein muss und nicht rund, weil das Wurzelwerk des Baumes dann mehr Platz hat um sich auszubreiten.

Damit die Bäume und Sträucher nicht einfach in der Gegend rumstehen, wurde ein Naturlehrpfad geplant. Mit den zur Verfügung stehenden Mitteln aus dem Fördertopf wurden Schautafeln bei einem Lehrmittelverlag beschafft. Die Tafeln sind sehr stabil, wetterfest und dank ihrer versiegelten Oberfläche auch leicht zu reinigen, um den Vandalen von Nebenan Paroli zu bieten. Neben kleinen Tafeln für die Bäume des Jahres kamen noch 6 Thementafeln hinzu. Diese beschäftigen sich mit Kräutern, Gräsern und Blumen, der Tierwelt eines Biotops, Insekten und mehr. Derzeit befindet sich der Lehrpfad in der Bauphase, er wird aber in den nächsten Wochen fertiggestellt.

Natur sehen und fühlen, lautet das Credo des Lehrpfades. Eine Spende des Forstamtes an den Stamm wird zum Fühlen gebraucht. Diese Spende umfasste Baumproben von 12 Baumarten, wie sie in heimischen Wäldern vorgefunden werden können. Eine Baumprobe, das ist ein Stück aus einem Baumstamm, meistens zwischen 60-100cm lang und etwa 20cm dick. Das Holzstück ist der Länge nach aufgeschnitten und der kundige Betrachter ist in der Lage, die Geschichte des Baumes daraus zu lesen. Die Spende kam zu Stande, nachdem der Kontakt zum Forstamt gesucht wurde, um sich zu den Anpflanzungs-Vorhaben zu informieren. Die Proben wurden weiter aufgearbeitet, mit Scharnieren versehen, geölt und auf die Rückseite der großen Schautafeln geschraubt, so dass die Besucher des Geländes das Holz nicht nur sehen, sondern auch anfassen und fühlen können. Eine prädestinierte Aufgabe für Jugendliche: Beschriftungen für die Stämme anfertigen, mit Beschreibung der Baumart und besonderen Merkmalen.

Das Projekt Wasserhaus beschäftigt den Stamm Albert Schweitzer seit nun bald 10 Jahren. Und es wird noch lange kein Ende nehmen. Aber wenn nach der Arbeit das Feuer brennt, das Würstchen brutzelt und die Gruppe zusammen sitzt und die nächste Aktion plant, schaut sich jeder zufrieden um und weiß, dass sich jede Minute und jeder Euro absolut gelohnt hat.